Stolpersteine in Bielefeld
»Nun müsst ihr tapfer sein...«
Seit diesem Frühjahr erinnern vier Stolpersteine im Bielefelder Westen an Opfer der Nationalsozialisten.
Seit 1997 verlegt Günter Demnig aus Köln kleine Pflastersteine aus Messing. Die Gedenksteine erinnern an Opfer des Nationalsozialismus und werden vor ihren ehemaligen Wohnhäusern in den Bürgersteig eingelassen.Wie in der Friedrichstraße 35. Hier lebte der Obsthändler Albert Gödde. der wegen des Abhörens ausländischer Rundfunksendungen verurteilt wurde. Die Nazis ermordeten Albert Gödde am 22. Januar 1943 in Auschwitz. Ein Stolperstein erinnert seit März an den kommunistischen Widerstandskämpfer.
Mehr als 60 Stolpersteine gibt es bislang in Bielefeld. Eva Hartog und Christine Biermann koordinieren seit 2005 die Verlegung in Bielefeld. Bezahlt werden die Gedenksteine von Sponsoren. Eine Patenschaft für einen Stein kostet 95 Euro. Die Stadt unterstützt die Aktion und hat eigens ein Konto eingerichtet. »Es bringt die Erinnerung, die sonst auf fest umrissene Räume oder Gedenktage wie heute beschränkt bleibt, wieder in den Alltag der Menschen«, erklärte Oberbürgermeister Eberhard David am 60sten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Auch das Stadtarchiv ist beteiligt. Es recherchiert die Lebensläufe der Bielefelder NS-Opfer. Auszubildende des Handwerkerbildungszentrums sorgen dafür, dass die Gedenksteine fachgerecht verlegt werden.
»Wir wollen an Menschen aus allen Opfergruppen erinnern«, sagt Eva Hartog. In der Arthur-Ladebeck-Str. 6 liegen daher Steine für die jüdische Familie Mosberg. Mitglieder der Familie sind in den Konzentrationslagern Ravensbrück, Auschwitz und Sobibor ermordet wurden. Vor der Brackweder Hauptstraße wird an Christian Vogel erinnert. Der Zeuge Jehovas ist als Kriegsdienstverweigerer und Bibelforscher am 24. Mai 1941 im Konzentrationslager Brandenburg hingerichtet worden.
Zuchthaus wegen Zeitschrift
Vier Steine sind bisher im Bielefelder Westen verlegt worden. Alle verweisen auf ein Kapitel des lokalen Widerstands. Etwa auf den Galvaniseur Friedrich Wolgast, der in der Wittekindstraße 53 wohnte. Er wurde erstmalig am 5. August 1933 verhaftet. Wolgast, engagiert im ›Arbeiter-,Turn- und
Sportbund‹, sympathisierte mit der SPD, war parteipolitisch aber nicht organisiert.Weil er eine Ausgabe der Zeitschrift ›Rote Fahne‹ weitergegeben haben soll, wurde er zu 14 Monaten Zuchthaus verurteilt. In der Haft lernte Wolgast mehrere Kommunisten kennen, so auch Hermann Kleinewächter. Nach seiner Entlassung schloss er sich dessen Widerstandsgruppe an.
Dort wird er auch auf Otto Giesselmann gestoßen sein, der damals in der Meller Straße 27 wohnte. Die Arbeitersiedlung Kamphof war den Nazis in den 30er Jahren ein Dorn im Auge. Hier wohnten viele Sozialdemokraten und Kommunisten. Der Konsumbau an der Meller Straße 48 bis 52 wurde
vor allem nach dem Reichstagsbrand immer wieder von Polizei und SA umstellt und auf Waffen und verbotene Druckschriften durchsucht. Seine Bewohner sind verhaftet und verhört worden. Einige Häuser weiter liegt nun ein Stolperstein, der an Otto Giesselmann erinnert. Der Metallschlosser
war 1922 in die KPD eingetreten. In den Jahren 1933 bis 1936 war er bereits im einen Konzentrationslager inhaftiert. Entsprechend vorsichtig wird er gewesen sein, als er nach seiner Entlassung wieder Kontakt zu seinen Genossen in Bielefeld aufnahm.Als ehemaliger Häftling musste er davon ausgehen, von der Gestapo beobachtet zu werden.
Wenig ist bis heute über die einzelnen Personen in den Widerstandsgruppen bekannt. Aus offensichtlichen Gründen verzichten die Nazigegner auf Aufzeichnungen. Und auch diejenigen, die überlebten, können oft nur wenig berichten. Denn der Widerstand war in Kleingruppen organisiert, die sich oft nicht untereinander kannten. Damit sollte verhindert werden, dass bei Verhaftungen Einzelner das ganze Netz aufflog. Wussten die Widerständler doch um die brutalen Verhörmethoden im ehemaligen Polizeigefängnis an der Turnerstraße.
In den ersten Jahren der Nazi-Diktatur waren es vor allem Angehörige der Arbeiterbewegung, die Widerstand leisteten: Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten. In Privatwohnungen wurden illegal Flugblätter und Handzettel gedruckt. Da sie nicht offen verteilt werden konnten, ließ man sie inWartezimmern von Ärzten liegen, schob sie unter Haustüren durch und legte sie in Betrieben aus. Später wurden die Materialien von den Exilorganisationen der SPD und KPD aus Holland eingeschmuggelt. Mehrfach beschlagnahmten SA und Polizei bei Razzien Waffen, Schreibmaschinen, Vervielfältigungsapparate und selbst Fahrräder, um Kurierfahrten zu verhindern. In Stadt und Kreis Bielefeld kam es allein von 1933 bis 1935 zu 429 Verhaftungen. Gegen 219 Personen wurden Verfahren eingeleitet, die meist mit hohen Zuchthausstrafen endeten. Nicht alle Verurteilten waren parteipolitisch organisiert. Oft reichte schon eine kritische Äußerung in der Kneipe oder die Verweigerung des Hitlergrußes, um verhaftet zu werden.
Todesurteile wegen »Rundfunkvergehen«
Später gruppierte sich der Widerstand aus der Arbeiterbewegung vor allem um zwei Betriebsgruppen bei den Rüstungsbetrieben Dürkopp und Benteler.Während die Medien in Deutschland gleichgeschaltet waren und nur Nazipropaganda verbreiteten, versuchten die Mitglieder der Gruppen über ausländische Radiosender an unabhängige Informationen zu gelangen. Die Sendungen wurden oft mithilfe deutscher Exilanten, wie dem Schriftsteller Thomas Mann produziert. In Pausengesprächen gaben sie dann die Informationen an Kollegen weiter oder verteilten in den Waschräumen handgeschriebene Zettel. Auch während der verschärften Repression nach Beginn des Krieges wurden in Bielefeld oppositionelle Plakate und Parolen geklebt. Zwischen 1942 und 1944 sind mindestens 19 Bielefelder zum Tode verurteilt worden. Zu den Verhafteten gehörten auch Albert Gödde, Friedrich Wolgast und Otto Giesselmann.Am 15.September 1944 wurde Friedrich Wolgast in Dortmund wegen Hochverrat hingerichtet. Eine Woche später ließ die NS-Justiz auch Otto Giesselmann ermorden. »Nun müsst ihr tapfer sein, das Schicksal hat nun mal anders entschieden. Vor einiger Zeit ist mir dies eröffnet worden«, schrieb er in einem Abschiedsbrief an seine Familie.
Ebenfalls als Mitglied derWiderstandsgruppe verhaftet wurde Erich Wemhöner, der damals in der Bossestraße 3 wohnte. Er war Wäschezuschneider bei der Firma Helmhold. Der parteilose Arbeiter wurde nie verurteilt, aber ins Konzentrationslager Neuengamme verschleppt, weil er niemanden verraten hat. Wahrscheinlich ist er im April 1945 im Konzentrationslager umgekommen.
Der Stolperstein, der an Erich Wemhöner erinnert, ist schon im Mai 2005 verlegt worden. Das Messing ist nachgedunkelt. »Die Stolpersteine wirken vor allem, wenn sie glänzen«, sagt Eva Hartog. Sie plant zusammen mit Christine Biermann demnächst eine Putzaktion. Dazu sind auch Nachbarn
und Anwohner aufgerufen. Sie können mit etwas Messingputzmittel dazu beitragen, dass Spaziergänger und Passanten weiterhin auch optisch über die Geschichte stolpern.
Mehr Informationen:
www.stolpersteine.com
Wer eine Patenschaft für einen weiteren Stolperstein übernehmen will, wendet sich an: eva.hartog (at) klinikdrhartog.de
Tanzen kann toll sein – aber nicht mit Nazis!