Collegium Humanum – Wurzeln im Nationalsozialismus
In der Reichsleitung der NSDAP war Werner Georg Haverbeck für die Gleichschaltung der Natur- und Heimatschutzbewegung zuständig. Später versuchte er, mit völkischem Denken die Umweltschutzbewegung zu beeinflussen.
Die Geschichte des Collegium Humanum scheint widersprüchlich und wechselhaft. Erste Verhandlungen zur Gründung der Grünen fanden hier ebenso statt wie Vorbereitungen zum hundertsten Geburtstag Adolf Hitlers. Galt das Haus einst als ökologische Bildungsstätte, ist es nun ein Zentrum der Holocaustleugner. Dabei ist das Collegium dem Nationalsozialismus weit mehr verhaftet, als dieses Wechselspiel vermuten ließe. Der Gründer, Werner Georg Haverbeck, gehörte nicht nur zur Führungselite der NSDAP, nationalsozialistische Weltanschauung zieht sich auch wie ein brauner Faden durch die Geschichte des Collegiums.
Der 1999 verstorbene langjährige Leiter des Seminarhauses in Vlotho war ein früher Nationalsozialist. Nach dem 1934 erschienen "Deutschen Führerlexikon" stand er bereits seit 1923 "in der nationalsozialistischen Bewegung", trat 1926 in die Partei ein und wurde drei Jahre später Mitglied in der Reichsleitung des "Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes". Die Berufung in die Reichsleitung der NSDAP folgte 1931. Nach der Machtergreifung wurde er vom Stellvertreter Adolf Hitlers "mit der gesamten Volkstumsarbeit der nationalsozialistischen Bewegung für das gesamte Reichsgebiet beauftragt".1 Als Leiter des "Reichsbundes Volkstum und Heimat" war Haverbecks Aufgabe die Gleichschaltung der Heimat- und Naturschutzbewegung. In der "Reichsmittelstelle für Volkstumsarbeit" war er maßgeblich an der Organisation der Nürnberger Parteitage beteiligt. Der Reichsbund gehörte mit bis zu fünf Millionen Mitgliedern zu den NS-Großorganisationen, und Haverbeck verfügte in dieser Zeit über ausgezeichnete Kontakte. Er galt als Protege des Hitlerstellvertreters Rudolf Hess. Später soll Heinrich Himmler sein Studium aus eigener Tasche finanziert haben.2 Nach einem Intermezzo als SS-Untersturmführer war Haverbeck ab 1940 für die deutsche Rundfunkpropaganda in Dänemark und ab 1942 für die Rundfunkpropaganda in ganz Südamerika zuständig. Parteiinterne Differenzen und Gegnerschaften, etwa bei der Auflösung des "Reichsbundes Volkstum und Heimat" 1935, führten zwar zu Karrierebrüchen, nicht aber zu einer Abwendung vom Nationalsozialismus.
Nach 1945 wandte Haverbeck sich der anthroposophischen Glaubensrichtung zu und wurde 1950 zum Priester geweiht. Seine Beurlaubung von diesem Amt 1959 hängt nicht mit seiner NS-Vergangenheit zusammen, sondern mit "linken" Tendenzen und seinem friedenspolitischen Engagement. So überraschend und fragwürdig diese Einschätzung ist, sie führte wohl auch dazu, dass Haverbeck in den 70er Jahren Berater des SPD-Ministers Egon Bahr in Umweltschutzfragen und von 1973 bis 1979 Professor für angewandte Sozialwissenschaften an der FH Bielefeld wurde. Mit Gustav Heinemann gründete er 1975 den "Deutschen Rat für Umweltschutzfragen". Allerdings hatte er seine alte Ideologie nie aufgegeben, wie in seiner Tätigkeit in der 1963 gegründeten Heimvolkshochschule Collegium Humanum und dem "Weltbund zum Schutze des Lebens" deutlich wird.
Der Weltbund zum Schutze des Lebens
In beiden Organisationen hatte er alte NS-Gesinnungsgefährten zusammengeführt. Der "Weltbund zum Schutze des Lebens", als dessen Präsident Haverbeck von 1974 bis 1982 amtierte, war in den 70er Jahren die bedeutendste Organisation extrem rechter Ökologen. Sie pflegte ein sogenanntes ganzheitliches "Lebensschutz-Denken". Kennzeichnend für diese Begründung der Ökologie ist die Übertragung von Naturgesetzen, etwa dem Recht des Stärkeren oder einer natürlichen Aussonderung der Schwachen, auf menschliche Gesellschaften. Eine Konsequenz dieser Denkrichtung ist auch die Befürwortung der Euthanasie. Der erste Vorsitzende der Organisation, Dr. Walter Gmelin, hatte bereits im Nationalsozialismus als Hausarzt der Euthanasie-Anstalt Grafeneck gewirkt. Der Weltbund verstand Umweltschutz daher als Programm zur "Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der naturgesetzlichen Ordnungen", einer Erneuerung der "natürlichen Lebensordnung" und wandte sich gegen die "Mächte der Unordnung, Entartung, Ausbeutung und des Untergangs."3
Der Kampf für ökologischen Landbau, gegen Atomanlagen und bedingungsloses Wirtschaftswachstum auf Kosten des Umweltschutzes führte den Weltbund teilweise mit den Umweltschutzbewegungen der 70er Jahre zusammen. Hier sahen Haverbeck und seine MitstreiterInnen einen Anknüpfungspunkt zur Verbreitung extrem rechter Weltanschauung und der Vereinnahmung von Bürgerinitiativen. Ökologisch, nämlich mit dem Argument der Überbevölkerung, wurde daher etwa die Ablehnung des Zuzuges von Ausländern begründet. Grundlegend war jedoch eine "völkische Weltanschauung", die Haverbeck bereits 1933 in den Nationalsozialistischen Monatsheften propagiert hatte. "Völker" werden demnach nicht als pluralistische und vor allem veränderbare Gesellschaften definiert, sondern als naturgegebene, ganzheitlich biologische Systeme, deren Eigenschaften genetisch und durch Tradition weiter gegeben werden. Der völkische Gedanke zieht sich durch die Veröffentlichungen von Werner Georg und Ursula Haverbeck. Ausdruck davon ist etwa die Konstruktion von "Volk, Volkstum" und "Volksindividualität"4 oder die häufig genutzte Phrase vom "Seelenmord des deutschen Volkes".
Einflussversuche in der Umweltschutzbewegung
Obwohl Haverbeck als einer der maßgeblichen Theoretiker der extrem rechten Ökologiebewegung gilt, das Collegium Humanum und der "Weltbund zum Schutze des Lebens" enge Kontakte zu rassistischen und neonazistischen Organisationen und Parteien pflegten, galt er in den 70er Jahren nicht als extrem rechts. Dabei knüpfte er an seine Tätigkeit aus dem Nationalsozialismus, nämlich der Gleichschaltung von Natur- und Heimatschutzbewegung an, wenngleich natürlich unter ganz anderen Bedingungen und mit dem Ziel, die Umweltschutzbewegung zu beeinflussen.5 Ein Beispiel dafür war die Mitwirkung an der Gründung der Grünen. Nicht nur Haverbeck war beteiligt, auch eines der frühen Aushängeschilder der Partei, der Ökobauer Baldur Springmann, war Funktionär des "Weltbundes zum Schutze des Lebens". In diesem Fall scheiterte die Strategie allerdings, da sich die konservativen und extrem rechten Ökologen bald wieder von den Grünen trennten, weil linke Konzepte die Oberhand gewannen.
Auch das Image Haverbecks änderte sich, als er 1981 zu den Erstunterzeichnern des rassistischen Heidelberger Manifestes gehörte, einem Pamphlet extrem rechter Professoren, in dem die "Unterwanderung des deutschen Volkes" und die "Überfemdung unseres Volkstums" durch die Zuwanderung beklagt wurde. Im Oktober 1984 luden Neonazis dann zu einem Treffen des "Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers" ins Collegium Humanum ein. Das Treffen war als "Seminar über Umweltfragen und Naturreligionen" deklariert. Obwohl Ursula Haverbeck den Vorgang als "neuerliche Rufmordkampagne gegen das Collegium Humanum bezeichnete", löste das "Schulungs- und Besprechungstreffen auf Gauebene" öffentliche Empörung aus.6
1) Zit. Nach: Wagner, Arfst, Werner Haverbeck Anwalt für Deutschland?, in: Flensburger Heft Nr. 32
2) Ebd.
3) Vgl. Opitz Reinhard, Faschismus und Neofaschismus, Ffm, 1984, S.283 f.
4) Vgl. etwa Haverbeck, Werner und Ursula, Weltkampf um den Menschen, Tübingen 1995, S.28 ff.
5) Vgl. auch Schmiedel, Ulrich, Kondensstreifen über Turbulenzen, Lindhorst 1980, S. 199 sowie S. 39 f.
6) Vgl. Wagner, Arfst, Werner Haverbeck Anwalt für Deutschland?, in: Flensburger Heft Nr. 32