Collegium Humanum – Bis in die Mitte der Gesellschaft
Holocaustleugnung gehört sicherlich nicht zum etablierten Diskurs, aber ein latenter Antisemitismus in der "Mitte der Gesellschaft" bietet auch für die Hetztiraden Horst Mahlers Anknüpfungspunkte.
Als Bielefelder Anwohner einer Reihenhaussiedlung das Werbeexemplar der Zeitschrift "Der Freie Berater" aus dem Briefkasten holten, staunten sie nicht schlecht. "Im Übrigen ist der ein Verräter des Deutschen Volkes, der dessen Geschichte und Rechtsstatus nicht anerkennt", heißt es da. "Das Deutsche Reich lebt und wir alle sind eindeutig Reichsbürger!" Das Blatt gehört nicht zu den Pamphleten der Neonazisszene, sondern ist eine "Unabhängige Zeitschrift für unabhängige Anleger". Berichte aus Versicherungswesen und Kapitalmarkt machen den größten Teil des vierteljährlich erscheinenden Blattes aus. Der Verein bricht eine Lanze für freie Anlageberater, die keiner Versicherungsgesellschaft oder Bank verpflichtet seien und die Gewähr für eine unabhängige Beratung bieten würden. Die politischen Leitartikel weisen jedoch eine deutliche Parallele zur Weltanschauung Mahlers und Haverbecks auf. Sie vertreten nicht nur die Reichsideologie, sondern auch Antisemitismus. Dass es in Deutschland nicht möglich sei "den Juden" zu kritisieren, sei "Ergebnis einer gezielten Massenmanipulation der Kriegsgegner", schreibt Daniel Shahin, der Herausgeber, um über fast zwei Seiten antisemitsche Zitate zu verbreiten. Etwa von Henry Ford, dessen Pamphlet "Der internationale Jude" bereits den Nationalsozialisten als Vorlage diente, oder aus den sogenannten "Protokollen der Weisen von Zion", die ebenfalls zu den Grundlagen der NS-Ideologie gehörten.
Das Beispiel zeigt, dass die Weltanschauung des Collegiums trotz ihres sektiererischen Charakters nicht ohne Resonanz bleibt. Sie kann sich dabei auf einen latenten Antisemismus in der sogenannten Mitte der Gesellschaft stützen und findet auch Anknüpfungspunkte in öffentlichen Diskursen. Umfragen haben bei etwa 13 Prozent der deutschen Bevölkerung eine antisemitische Grundeinstellung festgestellt. Als Martin Walser anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels von der "Moralkeule" Auschwitz sprach und der "Funktionalisierung für gegenwärtige Zwecke", war Ignatz Bubis der Einzige im honorigen Publikum, der nicht applaudierte und Walser später "geistige Brandstiftung" vorwarf. Auch die Affäre Hohmann zeigt, dass mit antisemitischen Reden Beifall zu erhalten ist. Der ehemalige CDU-Abgeordnete hatte anlässlich einer Rede zum 3. Oktober von den Juden als "Tätervolk" gesprochen. Publikum und Lokalpresse fanden die Ansprache nicht anstößig. Erst zwei Wochen später, als die CDU die Rede ins Internet gestellt hatte, wurde eine Leserin auf die Passagen aufmerksam. In dem nachfolgenden Skandal wurde Hohmann dann zügig aus der CDU-Bundestagsfraktion ausgeschlossen.
Zwar äußern sich antisemitische Vorurteile und Weltverschwörungstheorien in der Gesellschaft nicht per se gewalttätig. Sie dienen extremen Rechten und Neonazis jedoch als Legitimation und Motivation für Anschläge gegen Synagogen oder Schändungen jüdischer Friedhöfe. Das gilt natürlich dann in besonderem Maße, wenn sie derart gehässig vorgetragen werden, wie von Horst Mahler und den Holocaustleugnern rund um das Collegium Humanum. Von dort gehen vermutlich keine Überfälle aus, aber es ist der Ort, an dem die Weltaschauung vermittelt wird, die den Neonazis auf der Straße zur Legitimation ihrer rassistischen und antisemitischen Übergriffe dient. Es ist nicht hinnehmbar, dass sich im Land des Holocaustes ein Zentrum für Holocaustleugner etabliert, denn Auschwitzleugnung ist nicht einfach ein irrige Meinung oder eine harmlose Lüge, es ist vor allem eine unerträgliche Beleidigung der Opfer.