Collegium Humanum – Die Reichsbürgerbewegung
Nicht nur die Wurzeln des Collegiums liegen im Nationalsozialismus. Schamlose Verherrlichung der NS-Herrschaft und praktische Schulungen für diejenigen, die "das neue Deutsche Reich wirklich schaffen wollen", prägen auch die Gegenwart.
Adolf Hitler als Sympathieträger
Das professionell aufgemachte Flugblatt der Reichsbürgerbewegung zeigt einen erfreuten Adolf Hitler mit Hakenkreuzarmbinde bei der Besichtigung eines Volkswagenmodells, einen lächelnden Adolf Hitler, der Hände schüttelt oder einen kirchlichen Würdentäger begrüßt. "Für wen war Adolf Hitler der Teufel und das Dritte Reich die Hölle?" wird in der Überschrift gefragt. "Jedenfalls nicht für die Deutschen" heißt die mehr als zynische Antwort.
Die "Reichsbürgerbewegung zur Befreiung Deutschlands" ist eine weitere Vereinigung, die im Collegium Humanum beheimatet ist. Verantwortet wird die Propaganda von Horst Mahler, vertrieben von Meinolf Schönborn in der westfälischen Kleinstadt Herzebrock. Klaus Kaping, ein ständiger Besucher des Collegiums, wird in der "Stimme des Gewissens" als Ansprechpartner genannt. "Schließen Sie sich der Reichsbürgerbewegung an", schreibt Ursula Haverbeck dort.1 Die krude Ideologie der Gruppe ist im "Deutschen Kolleg" unter Federführung von Horst Mahler, Reinhold Oberlercher und Uwe Meenen entwickelt worden. Die Neonazis behaupten, völkerrechtlich bestehe das "Deutsche Reich" fort und halten daher die Bundesrepublik und ihre Gesetze für ungültig. Die derzeitige Bundesrepublik sei lediglich die "Organisationsform einer Modalität der Fremdherrschaft" (OMF). So realitätsfern diese Konstruktion scheint, knüpft sie doch an die in der gesamten extrem rechten Szene verbreitete Nichtanerkennung der Bundesrepublik an, die in einschlägigen Schriften mal als Ergebnis anglo-amerikansicher "Umerziehung", als "Fremdherrschaft", "Besatzerregime" oder als "Zionist Occupied Government" (ZOG) bezeichnet wird. Diese Vorstellungen sind sogar weit über den Kernbereich der extremen Rechten hinaus verbreitet, etwa in Vertriebenenkreisen, wo die Rückforderungen ehemaliger Ostgebiete des Deutschen Reiches mit der Nichtanerkennung der Nachkriegsordnung begründet werden.
Verherrlichung des Nationalsozialismus
Während sich die meisten extremen Rechten und Neonazis mit ihrer bundesrepublikanischen Alltagsrealität notgedrungen arrangieren, stellen die "Reichsbürger" um Mahler, Haverbeck, Kaping und Schönborn eine selbsternannte fundamentalistische Speerspitze der Bewegung dar. Die Gruppe übt sich im Aufbau einer absurden Parallelwelt. Dazu gehört zum Beispiel die Erarbeitung einer eigenen "Reichsverfassung", von "Reichsgesetzen", "Aufstandsplänen" oder die Herausgabe von "Reichspässen". Derzeit gibt es mehrere Gerichtsprozesse, weil "Reichsbürger" etwa Strafen aufgrund von Geschwindigkeitsübertretungen nicht akzeptieren, wenn diese von Behörden der Bundesrepublik verhängt wurden, deren Legitimation sie nicht anerkennen.
Obgleich die Aktivitäten der "Reichsbürgerbewegung" oft einer unfreiwilligen Komik nicht entbehren, äußert sich das Bekenntnis zum "Deutschen Reich" durch eine unsägliche Verherrlichung des Nationalsozialismus. "Für die Verwirklichung unserer Freiheit ist eine klare Stellungnahme zum historischen Nationalsozialismus unabdingbar", heißt es etwa in einem Flugblatt. "Niemand (...) darf dem Deutschen Volk vorschreiben, welche Weltanschauungen ein Reichsbürger haben darf und welche nicht. Das gilt auch für die Nationalsozialistische Weltanschauung."2
"Praktische" Schulungen für den Volksaufstand
Ihre Ziele will die "Bewegung" durch einen "Allgemeinen Volksaufstand" erreichen, auf den sie sich nicht nur geistig vorbereitet. Meinolf Schönborn und Klaus Kaping organisierten im März 2005 im Collegium Humanum ein Seminar, zu dem nur "Kameradinnen und Kameraden" eingeladen waren, "die fest entschlossen sind, das neue Deutsche Reich wirklich schaffen zu wollen. Wir werden nun im neuen Jahr endlich praktische Dinge ›schulen‹ ", hieß es in der Einladung. Kommen die TeilnehmerInnen der Veranstaltungen im Collegium häufig aus eher wohlhabenden und akademisch gebildeten Kreisen, wurde dieses Seminar vor allem von jüngeren Neonazis besucht. Schönborn hatte bereits Anfang der 90er Jahre versucht, eine Naziterrorgruppe unter dem Namen "Nationales Einsatzkommando" zu gründen. Die "Nationalistische Front", deren Anführer er damals war, wurde daraufhin 1992 verboten. Wegen der Fortführung der verbotenen Organisation wurde der mehrfach vorbestrafte Neonazi später zu einer Haftstrafe verurteilt. Vor der drohenden Verurteilung hatte er zusammen mit dem Naziterroristen Peter Naumann umfangreiche Waffen- und Sprengstofflager an die Behörden übergeben und einen Verzicht auf Terroraktionen erklärt.
"Warum wir Adolf Hitler wählen"
Heute betreibt der Neonazi den "Z-Versand" und beliefert die Szene mit Rechtsrock-CDs, Ansteckern, Kleidung, Reichskriegsflaggen, Wimpeln, NS-Originalplakaten und eben auch mit Flugschriften der "Reichsbürgerbewegung". Unter dem Namen "Meniha" betreibt Schönborn ein weiteres Geschäft, dessen Angebot auf Motoradfahrer zugeschnitten ist: Keltischer und germanischer Schmuck, Wikingerplakate, Militaria und jede Menge Runenkunde. Eindeutig neonazistische Symbole sind nur vereinzelt zu finden, etwa das SS-Symbol der "Schwarzen Sonne" oder die Reichskriegsflagge im Internetangebot. Bis zur Kündigung im Jahr 2005 war der Neonazi Mieter eines Ladenlokals an der Brocker Mühle, einem Treffpunkt von Motorradfahrern mit mehreren tausend BesucherInnen wöchentlich. Das Angebot erschien auf den ersten Blick unverdächtiger als das des Z-Versandes. Biker, die sich für die Aufnäher "Brocker Mühle" oder andere Auslagen interessierten, bekamen jedoch schnell einen Katalog des "Z-Versand" in die Hand gedrückt. "Da sollte man originale Hitler Reden kaufen", berichtete ein Mann in einem Flugblatt. "Landser, Endstufe und Screwdriver CDs, nachgemachte Wehrmachtsuniformen, ›Rudolf Heß T-Hemden‹ oder so tolle Bücher wie ›Warum wir Adolf Hitler wählen‹".
1) In Stimme des Gewissens Nr. 3, Mai/Juni 2005, S.2
2) Verkündung der Reichsbürgerbewegung, Flugblatt der »Reichsbürgerbewegung« (ca. 2004)