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"Freie Kameradschaften"

Hinter den scheinbar zufälligen Erscheinungen rechter Jugendkulturen verbergen sich zielgerichtete Aktivitäten und systematische Strukturen. In Ostwestfalen existiert ein weitverzweigtes Netzwerk von Gruppen, die für ihre jugendlichen Anhänger eine neonazistische Erlebniswelt schaffen.

Die Neonaziszene in Ostwestfalen hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und stellt sich heute facettenreicher dar als Anfang oder Mitte der 90er Jahre. Jugendgruppen im Stil der Hitlerjugend gehören längst zur Randerscheinung des Spektrums. Zwar gibt es auch in Ostwestfalen noch traditionelle Gruppen, der weit bedeutendere Teil der Neonazis hat sich jedoch modernisiert. Die Propagierung von Rassismus und Nationalismus findet nicht nur bei Parteiversammlungen in verrauchten Hinterzimmern statt, sondern auf Partys, Musikkonzerten oder beim Fußball. Zeichneten sich die verschiedenen Organisationen und Parteien früher vor allem durch Abgrenzungen und Streitigkeiten untereinander aus, arbeiten sie heute eng zusammen.

Nationalsozialistische Grundhaltung

Zu einer der wichtigsten politischen Organisationen der Neonazis sind die ``Freien Kameradschaften'' geworden, die sich aus den Anfang der 90er Jahre verbotenen Neonaziparteien entwickelt haben. Damals musste sich auch die ostwestfälische Szene neu orientieren. Die ``Nationalistische Front'' war 1992 verboten worden und ihre Zentren in der Bielefelder Bleichstraße und in Pivitsheide bei Detmold am Widerstand antifaschistischer BürgerInneninitiativen gescheitert. Auch den in der Region aktiven Organisationen um die ``Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front'', besonders der ``Freiheitlichen Arbeiterpartei'' und der ``Deutschen Alternative'' waren Verbotsverfügungen zugestellt worden. Die starren Organisationsformen als Partei oder Verein waren jedoch nicht nur gegen Verbote anfällig. Auch bei der Rekrutierung neuer Anhänger hatten sie sich nicht bewährt. Ein immer größeres Umfeld extrem rechter Jugendlicher war nicht mehr bereit, sich der kruden Disziplin und dem selbstherrlichen Führungsanspruch der jeweiligen Anführer zu fügen. Statt einer hierarchischen Organisationsstruktur setzen die Neonazis seitdem auf ein informelles, allerdings durchaus verbindliches Netzwerk. Seit 1997 besteht in der Bundesrepublik ein Geflecht sogenannter ``Freier Kameradschaften'' oder ``Freier Nationalisten''. Viele der Anführer sind jedoch die gleichen wie früher, und auch an der Weltanschauung hat sich nichts geändert. Die Freien Kameradinnen sehen sich nach wie vor in der Tradition einer ``Nationalsozialistischen Gesinnung und der daraus resultierenden revolutionären Grundhaltung''.1 Disziplin, Unterordnung und Führung gehören daher immer noch zu ihrem Selbstverständnis. Sie werden nur nicht mehr durch Vereinsmeierei und die äußere Klammer einer Partei erzwungen, sondern von den Kadern erwartet. ``Basis der Kameradschaft sind die Satzung und die Gesetze des politischen Soldaten'', heißt es etwa unter Bezugnahme auf die ``politischen Soldaten'' der SA auf der Internetseite der Berliner ``Kameradschaft Germania''. Von ihren AnhängerInnen fordern sie jedoch nicht nur Gehorsam und Unterordnung, sondern bieten ihnen auch eine vielfältige Erlebniswelt. Durch die Aufnahme kultureller Elemente und in enger Zusammenarbeit mit der musikorientierten Naziskinszene, insbesondere der verbotenen Gruppe ``Blood & Honour'', bilden die Kameradschaften einen politischen Kristallisationspunkt. Sie haben Organisations- und Aktionsformen gewählt, die dem extrem rechten Mainstream im Osten und einigen Regionen des Westens besser entsprechen.

Beteiligung an Neonaziaufmärschen in der ganzen Bundesrepublik

Schon Anfang bis Mitte der 90er Jahre hatten sich führende Neonazis der Region, wie Bernd Stehmann aus Bielefeld, in aufsuchender Jugendarbeit geübt. In Friedrichsdorf oder im ehemaligen Schildescher Andreaskrug versuchten sie ihre Weltanschauung zu verbreiten, Jugendliche für neonazistische Aktionen zu mobilisieren und sogenannte ``Sturmkneipen'' zu etablieren. Die Folge war meist eine drastische Zunahme rassistischer Gewalttaten im Umfeld dieser Treffpunkte. Von 1994 bis 1997 betrieben die ostwestfälischen Neonazis in dem Schildescher Hof ``Steinsieks Mühle'' ein Zentrum. Dort probte eine Naziband, Schulungen, Veranstaltungen und Feiern fanden statt. 1997 feierten dort 80 Neonazis den Geburtstag Adolf Hitlers. Nach Angaben der antifaschistischen Zeitung ``Schlag Nach'' wurde das Zentrum von Stehmanns ``Kameradschaft'' betrieben. Demnach waren dort u.a. auch Ruven Becker, Meinhard Otto Elbing und Melanie Baronfeind aktiv.2 Die Wohnung von Baronfeind war 1996 nach einem Bericht der Zeitschrift ``Roter Winkel'' Ausgangspunkt eines brutalen Überfalls von vier Neonazis auf den Obdachlosen Ulrich W.. Dabei erlitt der Mann schwerste Verletzungen. Aufgrund der Misshandlungen der Neonazis lag er drei Wochen im Koma und trug irreparable Hirnschäden davon. Zwei Hannoveraner wurden als Täter verurteilt. Einem weiteren Hannoveraner und dem Bielefelder Rene Burandt konnte eine konkrete Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden. Sie erhielten jedoch Haftstrafen wegen unterlassener Hilfeleistung.3

Aufgrund der vergleichsweise flexiblen und lockeren Organisationsstruktur ist die heutige Kameradschaftsszene in Ostwestfalen nur schwer von ihrem Umfeld abzugrenzen. Der harte Kern umfasst rund 50 Neonazis, die bis zu ca. 100 AnhängerInnen für Aufmärsche und Aktionen mobilisieren können. Das von ihnen beeinflusste Umfeld ist noch wesentlich größer. Um die seit langem bestehenden Kameradschaften in Bielefeld und Minden haben sich einige feste Gruppen gebildet. Dazu gehören die niedersächsischen ``Freien Nationalisten Steinbergen'' bei Rinteln, der ``Nationale Widerstand Schaumburg'' bzw. die ``Kameradschaft Weserbergland'', sowie Kameradschaften in Detmold, Paderborn, Wewelsburg, Bünde und Bad Salzuflen. Im Kreis Gütersloh befindet sich eine Kameradschaft im Aufbau. Zur Koordination und Zusammenarbeit finden in Bielefeld regelmäßige Treffen der ``Freien Nationalisten Ostwestfalen'' statt.4 Diese sind auf Landesebene wiederum im ``Widerstand West'' organisiert, der halbjährliche Koordinationstreffen durchführt.

Als Kopf der Kameradschaften in der Region gilt seit Jahren der Bielefelder Bernd Stehmann. Er verfügt über eine ungefähr 15jährige politische Erfahrung in der Neonaziszene, gehörte zu den Gefolgsleuten Michael Kühnens in der ``Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front'' und war u.a. Mitglied der später verbotenen ``Deutschen Alternative''. Stehmann gehörte 1989 zu einer Gruppe von rund 30 Neonazis, die in Bielefeld sechs Punks brutal angriffen. Dabei wurden mehrere Menschen schwer und einer lebensgefährlich verletzt. Obwohl die meisten Täter bekannt waren, wurden damals nur fünf Neonazis verurteilt. Stehmann war nicht dabei.5

Auch bundesweit zählt Stehmann zu den Führungskadern der ``Freien Kameradschaften'' und verfügt über weitreichende Kontakte. Er nimmt zusammen mit meist 20-40 ostwestfälischen KameradInnen an zahlreichen Aufmärschen in der ganzen Bundesrepublik teil. Zu zentralen Veranstaltungen gelingt der hiesigen Szene mitunter eine beachtliche Mobilisierung. So zum Beispiel am 1. Mai 2001, als sie mit zwei Bussen zu einem Aufmarsch der ``Freien Kameradschaften'' nach Frankfurt fuhren. Die Reise wurde allerdings kein Erfolgserlebnis, denn der Aufmarsch scheiterte am Widerstand von AntifaschistInnen, und die Neonazis kamen nur wenige hundert Meter weit. Zum Hess-Gedenkmarsch am 18. August 2001 fuhren die ostwestfälischen KameradInnen mit einem Reisebus. Häufig ist Stehmann aktiv an der Organisation von Aufmärschen beteiligt. Ebenso wie der Mindener Dirk Fasold wurde er oft in der Funktion als Ordner beobachtet.6 Die führende Rolle Stehmanns zeigt sich aktuell in der Unterschrift unter dem Aufruf ``Unser Ausstiegsangebot'', der von einem Kreis führender Kader der Neonaziszene unterzeichnet wurde. Darin bieten sie V-Leuten von Geheimdiensten ein Rückkehr in die Szene an, sofern sie sich den ``Kameraden'' unter Verwendung eines ``Lügendetektors'' offenbaren.

Aktionen für den Hitlerstellvertreter

Die ``Freien Kameradschaften'' führen regelmäßige sogenannte Kameradschaftsabende durch, auf denen die politische Arbeit besprochen wird, die aber auch der Stärkung des internen Zusammenhaltes dienen. Die Anführer entwickeln ein umfangreiches Programm, mit dem Mitgliedern und Anhängerinnen eine Erlebniswelt geboten wird und das sie zugleich eng an die Gruppe bindet. Neben der umfangreichen Reisetätigkeit zu Aktionen und Aufmärschen gehören dazu die Verteilung von Flugblättern, Zeitungen oder Aufklebern oder die Durchführung von Propagandaaktionen. Dabei spielt die Glorifizierung des Nationalsozialismus und seiner Führer eine wesentliche Rolle. Zum Todestag des in der Szene als Märtyrer verehrten ehemaligen Hitlerstellvertreters Rudolf Hess im August 2000 hängten Neonazis z. B. an der Autobahn A2 Transparente auf. Die Polizei konnte drei von ihnen festnehmen und 15 weitere Transparente beschlagnahmen. Bei den Festgenommenen soll nach einem Bericht der Lokalpresse auch Bernd Stehmann gewesen sein.7 Ebenfalls aus geschichtlichem Anlass wurden die Kameradschaften am 8. Mai tätig. Dieser Tag wird von den Neonazis nicht als Tag der Befreiung vom Faschismus, sondern als Niederlage bzw. ``Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht'' gewertet. In diesem Jahr beteiligten sich die Bielefelder KameradInnen zum Beispiel an einer bundesweiten Putzaktion von ``Ehrenmalen'', um ``den Kampf unserer Soldaten im Ringen um die Freiheit symbolisch zu würdigen''.8

Schulungen durch Sprengstoffexperten

Zur Vertiefung des nationalsozialistischen Weltbildes organisieren die Kameradschaften Veranstaltungen und interne Schulungen für Mitglieder und Anhängerinnen und vertreiben Publikationen und Zeitschriften. Allein etwa 50 Exemplare des ``Zentralorgan'', der zentralen Zeitschrift der ``Freien Kameradschaften'' werden in der Region vertrieben. Am 17. April 1999 lud die zur Kameradschaftsszene gehörende ``Initiative Widerstand Jetzt!'' zu einer konspirativ organisierten Veranstaltung in Steinhagen ein. Unter dem Titel ``Politik und Poesie'' trug Friedrich Baunack von der extrem rechten ``Deutschland-Bewegung'' und der ``Frankfurter Initiative'' des heutigen NPD-Mitglieds Horst Mahler, eine Mischung aus Redebeiträgen und patriotischem Liedgut vor. 60 bis 80 Anhänger der ostwestfälischen Kameradschaften kamen zu dem Vortragsabend, zu dem nach einem Bericht der antifaschistischen Zeitschrift ``Der rechte Rand'' von Meinhard Otto Elbing und Bernd Stehmann eingeladen worden war.9 Am 16. Mai 1999 veranstaltete die ``Initiative'' eine siebenstündige Schulung zum Thema ``Verfassungsschutz''. Referent war der unter dem Beinamen ``Bombenhirn'' bekannte Peter Naumann. Der seit 1974 aktenkundige Sprengstoffexperte war u.a. wegen Verabredung zum Mord und Verstoß gegen das Waffengesetz zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. In der Einladung wurde denn auch auf die Gewaltfaszination der Szene gesetzt und folgendermaßen für die Veranstaltung geworben: ``Ende der 7oer Jahre hatte Peter Naumann mehrere Sprengstoffanschläge verübt, so auf die Zonengrenze, auf ein antideutsches Denkmal in Rom und auf zwei Fernsehsendemäste, wodurch seinerzeit der Film `Holocaust' nicht ausgestrahlt werden konnte''.10

Ein ganzes Schulungswochenende fand im April 2001 im Vlothoer ``Collegium Humanum'' statt. Nach Aussagen eines Szenemitglieds gehörte das Seminar zu einem fünfteiligen Programm, mit dem die Bielefelder Kameradschaft die Ausbildung von ``Unterführern'' bezweckt. Die künftigen Führungskräfte sollen in weltanschaulichen und praktischen Fragen geschult werden und ihre Ausbildung dann mit Prüfungen und einem paramilitärischen ``Orientierungsmarsch'' abschließen. Zu den Ausbildern gehören demnach langjährige Szeneaktivisten, die aus verbotenen Neonaziorganisationen wie der ``Freiheitlichen Arbeiterpartei'' oder der ``Nationalistischen Front'' kommen. Ebenso wie der teilnehmende Nachwuchs der Schulung stammen sie aus ganz Ostwestfalen.

Freizeitgestaltung zur Festigung der Kameradschaft

Die Kameradschaften bieten ihren AnhängerInnen jedoch nicht nur Politik, sondern auch gesellige Abende. Dazu gehören zum Beispiel Besuche von Sonnenwendfeiern, Fußballspielen, Sport oder Musikveranstaltungen mit Nazibands. Durch die Einbindung der AnhängerInnen auch in der Freizeit wird eine feste Gemeinschaft geschaffen, die es gerade Jugendlichen erschwert auszusteigen. So waren im Jahr 2001 bis zu ca. 30 Neonazis regelmäßig in der Gaststätte ``Zum Postmeister'' am Bielefelder Kesselbrink anzutreffen. Vom Wirt wohl gelitten, nutzen sie dort das Angebot Dienstags von 21 bis 22 Uhr umsonst Schnaps zu trinken. Teilweise werden Freizeit und Politik auch geschickt miteinander verbunden. Auf der Bielefelder Alm versuchen die Kameradschaften nach wie vor eine rassistische Stimmung zu schüren. Unter anderem wurden dort Flugblätter verteilt, in denen Spieler deutscher Herkunft als Kämpfer und Helden gefeiert, während Spieler ausländischer Herkunft als ehrlos und gierig dargestellt werden. Verantwortlich für diese Pamphlete zeichnet nach Angaben der Lokalpresse Larissa Wagner, die zum Kreis um Stehmann und Meinhard Otto Elbing gehören soll."

In Bünde ist Michael Stephan, der in der Szene auch unter dem Spitznamen ``Niete'' bekannt ist, stellvertretender Vorsitzender und Co-Trainer des Sportvereins ``Body Check''. Dort wird vor allem die Kampfsportart ``Kickboxen'' trainiert. Im Sommer veranstaltet der Verein regelmäßig Zeltlager an der Ostsee ``zur Festigung der Kameradschaft''.12 Stephan gehörte schon Anfang der 90er Jahre zu der Naziszene um den Bielefelder Andreaskrug in Schildesche. Dort soll er zu einer Clique gehört haben, die mehrfach andersdenkende Jugendliche bedroht und angegriffen hat.13 Stephan selbst wurde angeklagt einen Mann durch Faustschläge misshandelt und verletzt zu haben, der mit ihm zusammen in einer Obdachlosenunterkunft wohnte. Heute arbeitet Stephan an der Kameradschaftszeitung ``Unsere Welt'' mit. Der Mediendesigner, der unter der Bezeichnung ``The Builder - Mediendesign im Geist der Zeit'' Referenzen von großen Firmen wie Dekra oder Revell aufweisen kann,14 betreut auch die Webseite der Neonazizeitschrift. Über seine Emailadresse kann das Blatt bestellt oder Kritik geäußert werden.

``Zuviel ausländischer Abschaum'' - Die Kameradschaftszeitung ``Unsere Welt''

Eine geschickte Verbindung von Politik und Kultur stellt die von Stehmann als Chefredakteur verantwortete Zeitschrift ``Unsere Welt - Das Magazin des Rock n' Roll Widerstandes'' dar. Als Vorbild des jährlich bis halbjährlich erscheinenden Blattes diente das US-amerikanische Magazin ``Resistance''. ``Unsere Welt'' enthält überwiegend Interviews mit Nazibands, Berichte von Konzertbesuchen und Besprechungen neuer CD's, in die politische Berichte über Aufmärsche, Kampagnen der Neonaziszene oder die Vorstellung neonazistischer Organisationen eingestreut sind. Aus diesem Mix von Party-, Spaßkultur und nationalsozialistischer Weltanschauung entsteht auch bei vorerst nur an der Musik interessierten Jugendlichen der Eindruck einer gemeinsamen Bewegung. Zur politischen Zuspitzung tragen aber auch die Bekenntnisse der Nazibands zum Nationalsozialismus in zahlreichen Interviews bei. Die ungarische Gruppe ``Valhalla'' äußerte etwa: ``Alle Mitglieder von Valhalla sind seit mehreren Jahren NS. Wir unterstützen die NS-Bewegung mit unserer Musik (...) Wir wollen die Botschaft an so viele Leute wie möglich bringen und sie dadurch zu unserer Bewegung bringen.''15 In der zuletzt erschienen Ausgabe mussten zahlreiche Fotos von Konzertszenen geschwärzt werden, weil vom Publikum Hitlergrüße gezeigt oder die Bühnen mit verbotenen nationalsozialistischen Symbolen ausgestattet waren.16

In ``Unsere Welt'' wird eine klare Gewaltfaszination zum Ausdruck gebracht und über den Eindruck legitimiert, eine vermeintlich unterdrückte Jugendkultur müsse sich gegen Angriffe von außen wehren. Dabei spielt die Idee einer Verteidigung der ``weißen Rasse'' gegen Versuche der ``Überfremdung'' eine wichtige Rolle. Die Gruppe ``Valhalla'' erklärte etwa auf die Frage ``Racial Holy War?'' (``Heiliger Rassenkrieg?''): ``Er muß durchgeführt werden, wenn wir unsere Art schützen wollen. Wir haben zuviel `Alien Scum' (``ausländischen Abschaum''). Nur die Starken werden überleben.''17 In einem Interview mit der Naziband ``Nahkampf'' heißt es zu der britischen Naziterrorgruppe ``Combat 18'': ``Wir stehen absolut hinter dem Grundgedanken von C18 (...) White Power through political Terror (``Macht der Weißen durch politischen Terror'') ist ihr Weg, mit dem wir sympathisieren und den wir auf keinen Fall verurteilen werden.'' Auf die Frage ``Gewalt beim Fußball?'' antwortet die Gruppe: ``Die beste Trainingsmöglichkeit für den Ernstfall (...). Unter Deutschen keine Waffen (...) ansonsten (...) wo gehobelt wird fallen Späne.''18 Entsprechend liest sich auch ein Bericht über ein Fußballländerspiel in Kopenhagen. Unter der Überschrift ``Barbecue in Denmark'' wird dort der Zusammenschluss von Neonazis und Hooligans gegen die ``Türken'' beschrieben. ``Die Kanaken vom Bosporus gewannen das Spiel durch Elfmeterschießen, doch wir die 3. Halbzeit. (...) wenn Weiße zusammen kämpfen, dann Gnade ihnen ihre Götter.''

Diese ideologische Ausrichtung wird ergänzt durch Werbung für Zeitschriften, Organisationen und Kampagnen der Neonaziszene. So zum Beispiel für die Gefangenenhilfsorganisation HNG, Rudolf Hess Kampagnen, NPD oder das ``Zentralorgan''. An Erstellung und Vertrieb sind neben Stehmann und Stephan rund ein dutzend KameradInnen aus Ostwestfalen beteiligt, die unter Pseudonym Artikel schreiben. Die bundesweit vertriebene Zeitschrift wird von den zentralen Medien der ``Freien Kameradschaften'' stark beworben.

Im Jahr 2001 wurde eine CD veröffentlicht, die Beiträge von Nazibands aus verschiedenen Ländern enthält und die in Zusammenarbeit mit dem NPD-Label von Jens Pühse realisiert wurde. Auf diesem ``Unsere Welt Sampler'' ist u.a. die Moskauer Band ``Kolovrat'' (Hakenkreuz) oder die Bremer Gruppe ``Nahkampf'' vertreten. Der Beitrag von ``Nahkampf'' besteht aus einer Coverversion des Solidaritätsliedes der linken Band ``Ton Steine Scherben''. Darin zeigt sich nicht nur eine musikalische Entgrenzung, sondern auch der Versuch, sich als rebellische Jugendkultur zu präsentieren und damit Jugendliche anzusprechen.

``Getrennt marschieren, vereint schlagen'' - Die Bündnisorganisationen

Wenngleich sich die Neonaziszene manchmal als unüberschaubares Geflecht präsentiert, ist gerade in den letzten Jahren kein konkurrierendes Gegeneinander, sondern eine enge Zusammenarbeit festzustellen. Die verschiedenen Gruppen sprechen jeweils ein unterschiedliches Klientel an und bedienen zugleich unterschiedliche Bedürfnisse der extremen Rechten. Zu diesem Geflecht gehören Parteien, wie die NPD, ``Freie Kameradschaften'', quasireligiöse heidnische Gruppen, revisionistische Diskutierzirkel oder jugendkulturell orientierte Organisationen, wie die verbotene ``Blood & Honour'' Bewegung. Unter dem Motto ``Getrennt marschieren und vereint schlagen'' arbeiten die Organisationen eng zusammen. Die Akteure kommen zu bestimmten Veranstaltungen zusammen. So stellte die Polizei zum Beispiel bei einem ``Liederfest'' am 7.10.2000 im ``Collegium Humanum'' in Vlotho Teilnehmer aus der NPD, den ``Jungen Nationaldemokraten'', ``Freien Kameradschaften'', ``Artgemeinschaften'' und der Szene der ``rechten Skins'' fest.19

Der Zusammenarbeit dienen jedoch auch Organisationen wie der ``unabhängige Freundeskreis Ostwestfalen'' und die überwiegend aus den gleichen Personen bestehende ``Initiative Widerstand Jetzt!''. ``Widerstand Jetzt!'' versteht sich als ``Initiative verschiedener nationaler Gruppierungen dieser Region''20 und war vor allem für die Organisation von Veranstaltungen und Schulungen verantwortlich.

Zu den Einladern gehört nach einem Bericht der Zeitschrift ``Der rechte Rand'' neben Stehmann auch der in Bielefeld stadtbekannte Neonazi Meinhard Otto Elbing.21 Letzterer zählt zu den umtriebigsten Aktivisten der Region. Er war in den 8oer Jahren Mitbegründer des Neonazizentrums in der Bleichstraße und an zahlreichen Überfällen und Übergriffen beteiligt. Anfang der 90er Jahre beteiligte er sich am Aufbau von Gruppen in der ehemaligen DDR, wurde später Landesvorstandsmitglied der ``Deutschen Liga für Volk und Heimat'' und beteiligte sich an zahlreichen Aktionen der Neonazis. Zuletzt wurde er im September 2000 in erster Instanz zu 90 Tagessätzen wegen Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung verurteilt, weil er bei einem Aufmarsch der ``Freien Kameradschaften'' randaliert hatte.

Zur besseren Koordination wurde im Jahr 2000 das ``Freie Forum OWL'' gegründet. Bei den monatlichen Treffen in wechselnden Gaststätten arbeiten u.a. Neonazis aus dem Kreis der NPD,des ``unabhängigen Freundeskreises Ostwestfalen'' und dem Spektrum der ``Freien Kameradschaften'' zusammen. Darüber hinaus bestehen seit Juli 2001 regelmäßige Koordinierungsgespräche zur Vorbereitung von Aktionen gegen die Wehrmachtsausstellung. Auch hier treffen sich Gruppen und Einzelpersonen aus ganz Ostwestfalen in wechselnden Gaststätten

Die Gefangenenhilfsorganisation HNG

Eng verknüpft mit den ``Freien Kameradschaften'' ist die ``Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene'' (HNG). Die HNG betreut und unterstützt verurteilte Neonazis in Gefängnissen. Ziel ist die Erhaltung der ``Kampfmoral'' und die Vermeidung eines Ausstiegs. Dazu werden Brieffreundschaften vermittelt, die Gefangenen mit einschlägigen Schriften versorgt und auch für finanzielle Unterstützung Sorge getragen. Auch unorganisierten Rechten oder Gefangenen ohne politischen Hintergrund werden Hilfsleistungen angeboten, um sie für die Szene anzuwerben. Die HNG zählt ca. 700 Mitglieder und trifft in der Szene auf hohe Akzeptanz. Die in den ``HNG-Nachrichten'' veröffentlichten Gefangenenlisten werden in vielen einschlägigen Zeitschriften nachgedruckt. Auch durch die ostwestfälische Naziszene wird die HNG eifrig unterstützt. In den 80er Jahren war die Bielefelderin Christa Görth Vorsitzende der HNG. Von 1993 bis 1997 fungierte der Paderborner Führungskader Detlef Glock aus Salzkotten als stellvertretender Vorsitzender.22 Im Januar 2001 dankten die ``HNG-Nachrichten'' u.a. der ``Freien Kameradschaft Minden'' für Geld- und Sachspenden. Der Verlag LUWI-Tonträger aus Gütersloh produzierte T-Shirts mit dem Aufdruck ``Ungebrochen - Im Geiste frei'' und ``HNG - Wir sind dabei'', deren Erlös die Anwaltskosten der HNG Vorsitzenden Ursel Müller decken sollen.

1) Was sind freie Nationalisten in: Homepage ``Nationales und soziales Aktionsbündnis Westthüringen'', 5.2.2001

2) SchlagNach, Nr. 26, Herbst 20OO

3) Roter Winkel, Nr. 1/97, Mai 1997 und NW 18.2.1997

4) Verfassungsschutzbericht NRW 2000

5) SchlagNach Extrablatt Februar 1992

6) SchlagNach Nr. 26. Herbst 2OOO

7) NW vom 23.08.2000

8) Webseite des ``Freien Infotelefons Norddeutschland''. 17.5.01

9) Der rechte Rand, Nr. 67, Nov./Dez. 2000

10) Einladung der "Initiative Widerstand jetzt'' o.D. (ca. Mai 1999)

11) NW 22.8 2000

12) Webseite des Body Check e.V., 8.10.2001

13) Küßt die Faschisten wo ihr sie trefft Bielefeld, Novem-

ber 1992

11) Webseite von The Builder.

8.10.2001

12) Unsere Welt Nr. 1, o.D. (1997) 13) Unsere Welt Nr. 6, o.D. (2001)

14) Unsere Welt Nr. 1

15) Unsere Welt Nr. 1

16) Lagebild polizeilicher Staatsschutz für 2000, Bielefeld, Februar 2001

17) Brief an Interessenten, der ``Initiative Widerstand Jetzt", o.D. (ca. 1999)

18) Der rechte Rand Nr. 67

19) Drahtzieher im braunen Netz, Hamburg 1996

(Artikel aus: Stop Lifestyle of Hate, die extreme Rechte in OWL, Bielefeld, Januar 2002)