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"Liedg(l)ut" - zwischen Neonazismus und bündischer Tradition

Im Oktober des Jahres 2000 fand im Vlothoer "Collegium Humanum" das erste "Tanz- und Musikfest der Zeitschrift 'wir selbst'" statt. Jetzt erschien eine CD dazu. Die Initiatoren um die nationalrevolutionäre Zeitschrift und neonazistische Liedermacher versuchen damit an bündische Traditionen und die fortschrittlichen Festivals auf der Burg Waldeck in den 60er und 70er Jahren anzuknüpfen. Dabei schrecken sie nicht einmal vor Vereinnahmung und Misbrauch von Gegnern des Nationalsozialismus aus den Reihen der bündischen Jugend zurück.

"Liedg(l)ut" ist der Titel der vom Freundeskreis "wir selbst" herausgegebenen CD. Aufgezeichnet wurde die Scheibe am 7. und 8. Oktober 2000 im Collegium Humanum . "Freies Volk in freiem Land" war das Motto der Veranstaltung. Auf Grund der Analyse, wir Deutschen hätten "unsere Wurzeln weitestgehend verloren", sollte es bei dem Musikfest darum gehen diese wiederzugewinnen: "Durch geistreiche Auseinandersetzung mit uns selbst und den anderen Völkern, aber vielmehr noch mit der Wiedergewinnung unseres ,Taktes' (Oswald Spenger)".

Wiedergewinnung des deutschen Rhythmus

Zwecks Wiedergewinnung des vermeintlich deutschen Rhythmus waren Musikgruppen aus verschiedenen Musikrichtungen eingeladen worden, aus dem rechten Teil der Dark-Wave-Szene die Formationen Allerseelen, Dies Natalis, Forseti und Hekate, aus dem RechtsRock die Bands Dies irea, Nordwind und Sleipnir, aus dem Liedermacher-Spektrum Dirk Bojer, Burkhardt Ihme und Manfred Maurenbrecher. Als Vertreter der bündischen Jugend waren Die Birkler, Die Sturmvögel, Der Freibund und den Nerother Wandervogel angesprochen worden.

Allerdings folgten längst nicht alle Gruppen der Einladung. Auf der CD sind die Teilnahme des Duo Eichenlaub um Christian Kappke, der heute als Betreiber der Dark-Wave Internet-Plattform Lichttaufe aktiv ist, des neonazistischen und NPD-nahen Liedermachers Sleipnir aus Gütersloh, einer Mädel Wandervogelgruppe, des Berliner Liedermacher Dirk Bojer, der RechtsRock-Band Carpe Diem, Der Freibund, Die Birkler und angeblich Agnes Miegel dokumentiert.

In der Einleitung der CD stellt Hanno Borchert fest, Jugend sei "nicht nur Marksegment oder Problemgruppe, sondern auch handelndes Subjekt und sucht in einer Zeit, da wir ,wie Verdurstende über Wasseradern von unendlicher Kraft leben', wie Ernst Jünger es ausdrückte, nach alternativen Ausdrucks- und Identifikationsformen". Diese wollen die Initiatoren aus völkischer Sicht anbieten und beziehen sich dabei auf die Tradition der Jugendbewegung des Sturm und Drang und den Festivals auf Burg Waldeck in der 60-70er Jahren.

Die "fünffache Revolution" und die "kulturelle Erneuerung"

Die ideologische Verortung des Liederfestes leistet der Herausgeber der Publikation "wir selbst" Henning Eichberg: "Die ursprünglichen Ziele, die wir damals vielleicht etwas martialisch als ,fünffache Revolution' bezeichneten gelten auch heute noch." Als Punkte der ,fünffachen Revolution' führt Eichberg die Durchsetzung des Ethnopluralismus, die Basisdemokratie, den "humaneren Sozialismus", die ökologische Lebensgestaltung und die "kulturelle Erneuerung" an. Was sich auf den ersten Blick als Programm recht harmlos anhört entpuppt sich bei näherem Hinsehen als klassisches, extrem rechtes Weltbild. Ethnopluralismus meint ein Nebeneinander von nach angeblich ethischen Gruppen getrennten Menschen, also Apartheid, Basisdemokratie wird im Text sofort mit "Volksherrschaft" verknüpft und der "Humane Sozialismus" ist selbstverständlich ein "Deutscher Sozialismus" dessen Grundlage nach Eichberg ein "volkliches Gemeinschaftsgefühl" ist. Rassismus und Ausgrenzung als Programm. Die "kulturelle Erneuerung" soll diesen Prozess der Reethnisierung unterstützen. Dem diente auch der Liederabend, wobei die politische Bandbreite der Akteure eben jenen Bogen zwischen völkischem Denken und Neonazismus spannt.

Von völkischen Weisen und neonazistischen RechtsRock-Bands

Musikalisch wird dieser Spannungsbogen auf der CD von dem Liedermacher-Duo "Eichenlaub" präsentiert. Das Duo, das auch schon zusammen mit dem RechtsRock-Heroen Stigger einen Liederabend der inzwischen verbotenen Blood & Honour Organisation gestaltete, ist mit dem Thüringen Lied vertreten: Heimattümelei und Regionalismus pur. In die gleiche Kerbe schlägt der erste Beitrag des Liedermacher Sleipnir, in dem Stück "Ein Teil von mir" besingt er seine Zugehörigkeit zum Teutoburger Wald. In seinem zweiten Beitrag "Flüchtlingslied" werden die Leiden der deutschen Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieges besungen, ohne die Opfer des Nationalsozialismus auch nur zu erwähnen. Dafür versucht sich der Interpret in dem Lied "Alles? Fürs Vaterland" von jenen neonazistischen Mördern abzugrenzen, die wahllos Menschen ermorden. Als Beispiel wird natürlich kein Flüchtling, sondern ein "alter Mann" genannt, der erschlagen und beraubt wurde. Derartige Taten passen nicht ins Konzept des NPD-nahen Liedermachers, der beklagt, das sie der Sache nur schaden. Im weiteren bietet eine Mädel-Wandervogelgruppe zwei Lieder zwischen Naturmystik und Kulturkritik dar, um den Geist des Wandervogels nachvollziebar zu machen. Der Berliner Liedermacher Dirk Bojer gibt drei Stücke zum Besten, eines davon eine Schmähung der parlamentarischen Demokratie und des hier herrschenden Geld-Systems. Der Beitrag des CD- Produzenten Friedrich Baunack, "Mein Volk" könnte auch den Titel "Deutschland erwache" haben. Es ist ein Aufruf zum "gerade Gehen", die "Dauerschuldheuchlei" abzuschütteln und sich auf "Erbe Geist und Sinn" zu besinnen. "Sei wieder deutsch", "steh wieder auf" heißt es da.

Weil der Sänger der Band Carpe Diem verhindert war erscholl auf dem Fest der "Staatsschutz Ska" aus der Konserve. Es handelt sich um ein Klagelied über die staatlichen Maßnahmen gegen den Neonazismus. Die Band prophezeit jedoch "unsere Zeit wird kommen und eure ist bald vorbei". Wenn schon nicht als Band live dabei, ließen es sich die Restmitglieder nicht nehmen persönlich die von ihnen mitinitiierte Organisation "Identität durch Musik" vorzustellen. Auf Carpe Diem folgt eine Singegruppe des Freibund, laut Beiheft eine "Jugendkultur jenseits vom Zeitgeist". Schräg werden Lieder aus dem Sangesgut der Organisation dargeboten. Auf der gleichen altbackenen, ästhetischen und klanglichen Ebene bewegen sich "Die Birkler". Sie singen vom "Rauschen der Bäume", und vom "Fähnlein im Wind". Anschließend wird ein Gedicht der "Mutter Ostpreußens", Agnes Miegel, geboten, die Ostpreußen verherrlicht. Scheinbar ist dieses für sie mit dem Ende des zweiten Weltkrieges untergegangen, denn sie redet immerzu von "es war ein Land". Die CD schließt mit dem gemeinsamen Absingen von "Die Gedanken sind frei".

Alte Bekannte

Bearbeitet wurde die CD von Friedrich Baunack. Der in Wüstefeld bei Kassel lebende "Liederpoet" trat unter anderem als Redner einer REP-Demonstration gegen die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht und als Vortragender der neonazistischen Bielefelder "Initiative Jetzt" in Erscheinung. Bei der Erstellung stand ihm seine Frau Gertrud zur Seite, die Fotos steuerte seine im Freibund aktive Tochter Temudschin bei. Satz und Gestaltung übernahm Hanno Borchert. Für Unterstützung und engagiertes Mitwirken wird Ursula Haverbeck-Wetzel gedankt. Diese griff für das Collegium Humanum zur Feder. Das Bookle t dokumentiert ihren Leserbreif an das Vlothoer Tageblatt: "Wo man singt da laß dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder". Allein angesichts des Sangeskult im Nationalsozialismus eine ausgesprochene Augenwischerei.

Eine Frechheit ist auch der Abdruck eines Ausspruchs von Alexander Ebbinghaus auf der Rückseite des Booklets. Ebbinghaus war ein im Nationalsozialismus verfolgter Führer der bündischen Jugend. Dessen Aufruf "anders zu sein als die anderen das soll dein mut sein", richtete sich gegen die Gleichschaltung der Jugendbewegung und ihre Funktionalisierung für völkisch/neonazistischen Zwecke.

(Archivgruppe, Juli 2003)