Ungestörtes Nazi-Konzert in Augustdorf
Schon seit Tagen geisterten Gerüchte durch die rechte Szene, dass am Wochenende ein Konzert mit einschlägigen Bands stattfinden solle. Angekündigt waren neben „Cherusker“ aus Osnabrück, „Extressiv“ aus Dortmund und die „Weissen Wölfe“ aus Arnsberg, bekannt geworden mit Textzeilen wie „Juda verrecke und Deutschland erwache “. Auf ihrer CD drohte die Band „Für unser Fest ist nichts zu teuer 10.000 Juden für ein Freudenfeuer. Unsere Antwort Zyklon B“. Über die üblichen in der Szene geheimgehaltenen Wege wurden die aus dem gesamten Bundesgebiet anreisenden Gäste konspirativ zur Fabrikhalle der Firma Textrans im Augustdorfer Industriegebiet geschleust. Hier fand das Konzert dann statt, bei dem etwa 130 Teilnehmer zusammen feierten. Das gemeinsame Feiern zu hochgradig politisierten Texten, die Zusammenkunft von Teilnehmern aus unterschiedlichen Regionen - all das hat für die rechte Szene eine wichtige Funktion, für den Einzelnen und für die gesamte Szene. Nach innen stärkt es den Zusammenhalt, die sogenannte „Kameradschaft“, und fördert die ideologische Festigung der zumeist jungen Teilnehmer. Darüber hinaus dient es der Vernetzung und der Absprache weitergehender Aktionen. Allerdings war die Freude nicht ungetrübt, die Band Cherusker war nicht gekommen, und auch die Legende des Nazi-Rock, den von manchen erwartete Michael Regner, sollte gar nicht auftreten. Regner wurde für seine als Sänger der Band Landser eingespielten Lieder Ende 2003 zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Offenbar war er eine Werbeente, um mehr Teilnehmer anzulocken. Auch störte einige Teilnehmer der hohe Preis von glatten 15 Euro.
Polizei & Medien informiert
Die Polizei als auch die Medien waren ab dem frühen Nachmittag über das Konzert und die angekündigten Bands informiert. Die Polizei war auch vor Ort, mit zivilen Beamten beobachteten sie den Ablauf. Am Veranstaltungsort errichtete die Polizei gegen 23:30 Uhr Kontrollpunkte, kontrollierte jedoch lediglich Personalien, allerdings vorwiegend von den abreisenden Teilnehmern, da das Konzert schon gegen 21:00 begann. Die Beamten griffen nicht ein.
Die Pressestelle der Polizei vertritt gegenüber Jourmalisten die Einschätzung, dass "keine Außenwirkung" von dem Konzert ausging und es sich um eine private Veranstaltung gehandelt habe. Es hätten "keine Anlässe strafrechtlicher Art" vorgelegen und es sei ihrer Kenntnis nach "kein rechtsradikales Liedgut gespielt" worden. Übrigens veröffentlichte die Polizei in ihrem Presseportal kein Wort über das Konzert, wohl aber über Verkehrsunfälle mit Blechschäden, über einen versuchten Einbruch und über einen aufgebrochenen Staubsauger in einer Waschanlage. All das findet die Polizei erwähnenswert, eine neonazistische Zusammenrottung von über 100 Personen der extrem rechten bis neonazistischen Szene lässt sie unerwähnt.
Widersprüche
Nach Aussagen der Polizei handelte es sich um eine private Veranstaltung, mit der lediglich Geld für die Beerdigung eines tödlich verunglückten Kameraden gesammelt wurde. Davon ist im Internet nichts zu lesen. In bekannten Diskussionsforen des Neonazismus wird deutlich, dass 15 Euro Eintritt verlangt wurden - für eine Privatveranstaltung eine doch recht ungewöhnliche Maßnahme. Von Beerdigungskosten ist in den Diskussionsforen keine Rede. Auch wird deutlich, dass quer durch die Republik für das Konzert geworben wurde. Allein die Konkurrenz eines zeitgleich stattfindenden Konzerts in Baden-Württemberg mit Szenegrößen wie „Radikahl“ und den Australiern von „Death Head“ haben verhindert, dass in Ostwestfalen kein Großkonzert wie in Brandenburg vor einer Woche stattfand. Hier hatten 700 Neonazis zusammen gefeiert, und auch hier hatte sich die Polizei, die 400 Beamte zusammenzog, auf Kontrollen beschränkt.
Auch die Aussage, dass die Bands keine strafrechtlich relevanten Lieder gespielt hätten, ist zu bezweifeln. Erstens ist die Band Weisse Wölfe dafür bekannt, dass sie fehlende musikalische Fähigkeiten nur durch offen neonazistisch und gewaltverherrlichende Texte ausgleichen kann. Zudem wurde laut Berichten beim Auftritt der Band das Licht gelöscht, um zu verhindern, dass die Bandmitglieder erkannt werden. Zweitens beklagen sich Konzertteilnehmer in Internetforen, dass die Band auf dem Konzert die „immer gleichen Lieder mit ihrem C18-Quatsch“ gespielt haben, was deutlich der Polizeidarstellung widerspricht. C18 ist eine englische Terrorgruppe, die sich aus der Security der in Deutschland verbotenen Musikorganisation Blood & Honour entwickelt hat. „Hail, hail, hail, the terrormachine. Hail, hail, hail Combat 18!“ heißt es im Lied der Weissen Wölfe. Dort fordert die Band „Death to ZOG is our battlecry. In our racial holy war Death, death, death to ZOG! Death, death, death to ZOG! Death, death, death to ZOG! Combat 18 brings death to ZOG! “ ZOG ist dabei die Abkürzung für das Judentum, welches in der Phantasie der Nazis weltweit die Regierungen unterwandert hat und an den Fäden der Macht zieht.
Dieser Staatsschutz schützt uns nicht
In den letzten Jahren fanden immer wieder Neonazi-Konzerte in Ostwestfalen statt. Die Aussagen der Polizei zu den Konzerten waren immer die gleichen: Es handele sich hier um Privatveranstaltungen, es sei nichts strafrechtlich Relevantes vorgefallen. Die Berichte von diesen Konzerten belegten immer das Gegenteil. Offenbar ist die ostwestfälische Polizei nicht Willens oder in der Lage, die Konzerte zu unterbinden. Während in anderen Bundesländern rigoros gegen diese vorgegangen wird, verharmlost und verschweigt die Polizei in Ostwestfalen die Konzerte. Durch ihre Untätigkeit schafft sie eine Situation, in der sich die derzeit eher schwache lokale neonazistische Szene regenerieren, neue Anhänger rekrutieren und ihren Zusammenhalt stärken kann.
Tanzen kann toll sein – aber nicht mit Nazis!