Dorfjugend unterm Hakenkreuz – Die neonazistische Szene rund um Bad Salzuflen präsentiert sich
Die Allmachtsphantasien deutscher Neonazis führen immer wieder zu fast komisch anmutenden Produkten. So präsentierte sich die neonazistische Szene-Gruppierung Terrorcrew 28 aus dem ostwestfälischen Bad Salzuflen und ihr Umfeld auf der Internetplattform Youtube mit einem unglaublichen Videoclip. Erzeugen die Bilder des betrunkenen Szenemitgliedes Sebastian X (abgesehen von den Namen wichtiger Kader werden die Namen der zumeist jugendlichen Neonazis hier nicht genannt), der unter einer Hakenkreuzfahne als Bettdecke von einem neuen Nationalsozialismus, träumt vielleicht noch mitleidiges Kopfschütteln und die martialische Aufmachung der vermummten Kämpfer für die „weiße Rasse“ ein müdes Lächeln, so bleibt dem Betrachter jedoch spätestens angesichts der Menge an in einer öffentlichen Diskothek aufgenommenen Bildern, auf denen mit dem Hitlergruß gegrüßt wird, das Lachen im Hals stecken. Auch die Zahl der im Video in einem eindeutig neonazistischen Kontext auftauchenden Personen schockiert, gibt der Staatsschutz der Bielefelder Polizei doch seit Jahren Entwarnung und kann keine organisierte Szene in Ostwestfalen ausmachen.
Das Video bietet jetzt einen hervorragenden und exemplarischen Einblick in die Struktur und Lebenswelt der regionalen Szene. Zeigt es doch, was sonst allgemein im vermeintlich verborgenen geschieht, oder was angesichts offensivem Wegsehens immer wieder bestritten wird.
Terrorcrew
„Terrorcrew OWL Bad Salzuflen 28“ lautet der Titel des Videoclips. In diesem Clip stellt sich der Personenkreis zunächst einmal selbst dar. Der Name Terrorcrew ist nicht nur eine Selbststilisierung, sondern tatsächlich Name einer lokalen Gruppierung, welche im Video immer wieder an Hand von T-Shirts sichtbar wird. Mit „OWL“ und „Bad Salzuflen“ wird der räumliche Rahmen der Gruppierung, ihr Wirkungskreis und ihre Kontakte beschrieben. Die „28“ am Ende des Namens ist ein Code der neonazistischen Szene, 28 stehen hier für den 2. und 8. Buchstaben im Alphabet, das B und das H. Bei B & H handelt es sich um die im September 2000 wegen Wesensgleichheit mit dem Nationalsozialismus verbotene Organisation „Blood & Honour“. Das Musiknetzwerk hatte sich auf den Vertrieb neonazistischer und volksverhetzender Musik und die Organisierung von RechtsRock-Konzerten konzentriert. Seine Mitglieder gelten bis heute als die Überzeugten und „Harten Jungs“ in der Szene. In diese Kontinuität stellt sich also die Terrorcrew. Nimmt man allein dieses ernst, handelt es sich hier um die Nachfolge einer verbotenen Organisation. Weitere Anknüpfungspunkte zu Blood & Honour sind übrigens auch im Video zu finden, sei es die Hintergrundmusik, bei der es sich u.a. um das Lied „Blood & Honour“ des B&H-Gründers Ian Stuart handelt, oder dass im Video T-Shirts mit Werbung für den militanten Arm von Blood & Honour, für die Gruppe Combat 18 (Kampf Adolf Hitler) gezeigt werden. Der rechte Unterarm von André ist von einem großen Tattoo mit Totenköpfen und den Lebensdaten von Ian Stuart verziert.
Zwischen „Crew“ und Kameradschaft
Nachdem die Behörden Mitte der 1990er Jahre eine Reihe neonazistischer Organisationen verboten hatten, erarbeiteten die Kader des Neonazismus ein neues Konzept, mit welchem die Szene organisiert werden sollte, die Organisationsform der „Freien Kameradschaften“. Man war sich bewusst, dass im Falle von Neugründungen unter der Beteiligung bekannter Aktivisten schnell mit neuen Verboten oder mit Prozessen wegen Fortführung verbotener Organisationen zu rechnen sei. Daher sollten sich regional Gruppen bilden, die keine formale Struktur haben, also weder Parteien noch Vereine sind, die offiziell über keine Satzung und keine Leitung verfügen und somit also auch juristisch kaum greifbar sind. Die Namen dieser bundesweit entstandenen Gruppierungen sind unterschiedlich, in Gütersloh nennen sie sich „Freie Kräfte“, in Schaumburg „Nationale Offensive“, eine kleine Gruppierung aus Porta Westfalica trat unter dem Namen „Westfälische Pforte“ in Erscheinung, in Herford ist eine Bürgerinitiative Ostwestfalen-Lippe aktiv. So erwecken die Kameradschaften den Eindruck unabhängiger kleiner Gruppen. Hat eine Gruppe das Gefühl, dass die Polizei zu sehr auf sie aufmerksam geworden ist und eventuell ein Verbot bevorstehen könnte, so wechselt man schnell mal den Namen. So machte Marcus Winter aus der Kameradschaft Weserbergland die Nationale Offensive Schaumburg und aus dieser wiederum die „Nationalen Sozialisten aus Schaumburg und OWL“. Der überwiegende Teil der Kameradschaften agiert mit dem Ziel der Errichtung eines neuen Nationalsozialismus und versteht sich als ein explizit politischer Zusammenhang. Wie strukturiert und politisch die einzelnen Gruppen jedoch tatsächlich sind, ist lokal unterschiedlich, es differiert zwischen Cliquen ideologisch gefestigter neonazistischer Überzeugungstäter und rassistischen Dumpfbacken, welche die Treffen eher dazu nutzen, möglichst viel Bier in ihre vermeintlich deutschen Bäuche zu kippen. Die Bilder der Terrorcrew zeigen genau ein solches Spektrum, da sind z.B. die Dorfnazis Christian X, Simon X und Alex X zu sehen. Nadine X, die dann mit den Kameraden auch mal zum Rechts-Rock Konzert nach Minden/Stemmer mit ihrem Auto fährt. Der Sebastian X, oder André X , der auch hin und wieder an Aufmärschen des Kameradschaftsspektrums teilnimmt, wie z.B. in Gütersloh, am 17. 3 2007 in Minden und am 30. 6. 2007zusammen mit seinen Salzufler Kameraden in Herford. Oder Daniel Bake, ein ursprünglich aus Ahlen kommender Kader der sog. „Autonomen Nationalisten“. Daniel Bake und Sebastian X waren auch auf dem Aufmarsch in Detmold (8.9.2007) dabei, wo Daniel Bake als Anmelder fungierte. Bei diesen handelt es sich um Neonazis, welche von der radikalen Linken fasziniert sind und nicht so langweilig deppert rumlaufen wollen wie ihre Skinhead-Kameraden, welche sich als Outlaws inszenieren. Daher drehen sie hier und da mal ein antifaschistisches Symbol um oder vereinnahmen einen linken Slogan. Daniel scheut sich auch nicht ein T-Shirt der eher linken Ska-Punk Band Sondaschule zu tragen, wie im Video zu sehen.
Lebenswelt
Die Polizei und die „Sicherheitsbehörden“ sprechen im Zusammenhang mit den Kameradschaften zumeist von „lockeren Strukturen“. Dabei wird der soziale Charakter, die damit verbundenen starken Bindungskräfte und die starke Netzwerkstruktur total unterbewertet. Die Bindungen, welche in solchen Gruppen entstehen, sind weit aus stärker als jene, welche herkömmliche Parteimitgliedschaften mit sich bringen. Der entscheidende Unterschied liegt im starken Eindringen der Politik in die Alltags- und Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dieses ist auch im Terrorcrew-Video gut zu erkennen. Zuerst einmal fällt auf, dass die zu sehenden Personen auf der Mehrzahl der Bilder eine Bekleidung tragen, welche entweder eine Aussage trifft oder typische Bekleidungsmarken der extremen Rechten sind. Am häufigsten ist wohl das Terrorcrew-T-Shirt zu sehen, dazu kommt typische Szene-Bekleidung wie die Marke Lonsdale (welche aber, da sie antirassistische Projekte fördert inzwischen von Teilen der Szene abgelehnt wird), Pitt-Bull, die rechte Modemarke Thor Steinar ist mehrfach zu sehen. Bomberjacken und Springerstiefel, deren Schnürsenkel in den Farben schwarz-weis-rot, den Reichsfarben, drapiert sind, ergänzen das Bild. Dazu T-Shirts mit neonazistischen Aufdrucken von Wehrmachtssoldaten oder Slogans wie „No go Area“; zu dem Schriftzug ist eine Person abgebildet, welche ein Antifaschistisches Aktionssymbol zertritt. Niemand ist übrigens mit einem christlichen Kreuz um den Hals zu sehen, dafür tragen mehrere Personen einen Thorshammer, in der rechten Szene das Symbol für den Glauben an die nordisch-arische Rasse und deren Götter. Wenn die Privaträume im Video zu sehen sind, so sind diese mit Flaggen oder anderen Utensilien geschmückt. Man sieht eine Reichskriegsfahne, mehrere Hakenkreuzfahnen, eine Fahne zum Andenken an den Blood & Honour Gründer Ian Stuart, einen Kalender mit der schwedischen RechtsRock-Sängerin Saga und ein Plakat mit einer Lebensrune und den „14 Words“. Bei diesen handelt es sich um ein Glaubensbekenntnis des Neonazismus. 14 Words ist die Abkürzung für „We must secure the existence of our people and a future for White children.“ („Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft der weißen Kinder sichern.“ Autor dieses Satzes ist der US-Amerikanische Rechtsterrorist David Lane, welcher wegen dem Mord an einem jüdischen Journalisten und anderer Vergehen zu 190 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Bekenntnisse zum Neonazimus hängen jedoch nicht nur an den Wänden, sie gehen bis unter die Haut. Mehrfach sind im Video Tattoos mit rechten Inhalten zu sehen, bei André X auch der SS-Totenkopf und ein Hakenkreuz. Selbstverständlich verfügt eine solche Szene auch über eigene Rituale, wobei das exzessive Saufen zwar nicht gleich rechts ist, aber durchaus dazu gehört. Wie zu sehen ist, grüßt man sich hier jedoch mit dem Hitlergruß und nicht mit einem einfachen Handschlag.
Alpenmax
Selbstverständlich braucht eine solche Szene auch ihre Events und Treffpunkte; die Events sind Kameradschaftsabende oder Konzerte, als Treffpunkt dienen im Video entweder Privatwohnungen und, was weitaus bedeutender ist, die Bad Salzuflener Dorfdisco Alpenmax. Gerade das Besetzen von öffentlichen Räumen, in denen man sich treffen, sich präsentieren und neue Anhänger in den Kreis aufnehmen kann, sind von besonderer Bedeutung. Offensichtlich sind die Fotos im Alpenmax bei verschiedensten Gelegenheiten entstanden, was darauf schließen lässt, dass die Mitglieder der Terrorcrew hier zu den Stammgästen gehören. Dass deren politische Haltung vom Personal und damit auch der Geschäftsführung nicht erkannt wurde, ist unglaublich. Eher ist man geneigt, von offensivem Wegsehen oder Augen zukneifen zu reden. Ein unhaltbarer Zustand.
Da ist Musik drin
Ein weiterer wichtiger Bereich rechter Lebenswelt ist der Rechts-Rock, jene Musik mit rassistischen, volksverhetzenden und den Nationalsozialismus verherrlichenden Texten. Das ganze Video ist von Musik unterlegt, und erst diese gibt dem Film einen gewissen Schwung. Wie im Video, ist der RechtsRock auch im kompletten Alltag dieser rechten Cliquen präsent. Da sind die T-Shirts mit Werbung für Bands wie Race War, Angry Aryans, Stahlgewitter und zwei mal auch für die Böhsen Onkelz. Da sind die Fahnen für die Kultband Skrewdriver und den Blood & Honour Gründer Ian Stuart und die T-Shirts für deren Terrorgruppe Combat 18. Zudem macht man auch selbst Musik. Wenn die Protagonisten auf dem Rücken ihrer T-Shirts den Spruch „Die Jungs fürs Grobe“ tragen, dann ist auch das nicht ohne Hintergrund. Es handelt sich um ein bekanntes Lied des Landser-Sängers Michael Regener. Dieser wurde wegen seiner der Rechts-Rock-Texte und der kriminellen Energie, welche er zu ihrer Verbreitung aufbrachte, als Mitglied einer kriminellen Vereinigung, also der Band Landser verurteilt. Er wurde zu einer Haftstrafe von 3 Jahre und 4 Monaten verurteilt. Die Band Landser stilisierte sich selbst in einen Lied zu „Terroristen mit E-Gitarre“. Das die e-mail Adresse des Machers terroristmitegitarre@xxx.de ist erklärt ein übriges.
Nationalsozialismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen
Die im Video zu sehenden Protagonisten bezeichnen sich nicht nur als Terrorgruppe, sondern sie sind Anhänger und Verbreiter der Ideologie des Nationalsozialismus. Sie verherrlichen gewalttätige und teils verbotene Gruppen wie Combat 18, Blood & Honour und Landser. Symbole verbotener Organisationen, welche nach § 86a strafbar sind, werden gezeigt. Deutlich wird, dass es nicht mehr darum gehen kann, den Anfängen zu wehren sondern dass der ausgeformten Szene und Lebenswelt der Raum genommen werden muss. Doch es geht nicht allein um die im Video zu sehenden aktiven Nazis. Dass Bilder wie die im Video gezeigten in einer Diskothek, also im öffentlichen Raum, aufgenommen werden konnten, lässt einen eklatanten Mangel an demokratischem Bewusstsein und eine schockierende Akzeptanz neonazistischen Gedankenguts erkennen. Kaum vorstellbar, dass sich Bedienungen, welche dieses zulassen, sich für die Rechte von Minderheiten im Alpenmax einsetzen.
Wir fordern die Betreiber des Alpenmax auf, die Terrorcrew nicht länger in ihren Räumen zu dulden, und wir rufen alle Menschen auf, dem Treiben der Terrorcrew ein Ende zu bereiten.