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Verbrechen und Nachkriegskarriere eines SS-Hauptsturmführers

Viele NS-Verbrechen sind bis heute ungesühnt. Aber etliche Täter machten steile Nachkriegskarrieren.

Die Zeit des Nationalsozialismus liegt nun mehr als 55 Jahre zurück. Trotzdem wird die Bundesrepublik immer wieder von der Geschichte eingeholt, wie zuletzt die Debatte um die Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen zeigte. Dass viele Bereiche der Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet sind, hat mehrere Ursachen. Eine ist die Verdrängung, die bereits 1945 einsetzte. Sehr viele Menschen aus der Bevölkerung hatten mitgemacht und die Nazis und ihre Verbrechen unterstützt oder gar davon profitiert. Da schien es bequem, dem ``Verführer'' Hitler und einer kriminellen Minderheit von Naziführern und SS-Kommandanten die Schuld an allem anzulasten. Andere Institutionen und Berufsgruppen lehnten für sich kategorisch jede Schuld ab, weil sie in der Bundesrepublik Karriere machen wollten. Als 1955 gegen den Widerstand einer breiten antimilitaristischen Bewegung die Bundeswehr gegründet wurde, kamen etwa 31 von 38 Generälen aus den Generalstäben der Wehrmacht. Die ``furchtbaren Juristen'' sind ein weiteres Beispiel für eine Berufsgruppe, die von der ``Entnazifizierung'' zu 98 Prozent verschont wurde und die Rechtsprechung der Bundesrepublik prägte. Eine ``Stunde Null'' hat es 1945 nicht gegeben.

Theodor Saevecke

Viele Naziverbrecher wurden von der Justiz verschont, Verfahren verschleppt und später ganz eingestellt. Einer dieser Täter war der kürzlich verstorbene Theodor Saevecke, der zuletzt in Bad Rothenfelde lebte. In der ``Antifaschistischen NRW-Zeitung'' erschien 1998 ein ausführlicher Bericht über den SS-Hauptsturmführer und SD-Sicherheitschef. Saevecke trat bereits 1928 in die SA ein und begann 1934 eine Karriere in der Sicherheitspolizei. Später wurde er Chef des Außenkommandos der Sicherheitspolizei von Mailand. Dort wohnte er persönlich den Folterungen von Gefangenen bei. Den Angestellten Otello Vecchio, bei dem Ersatzteile für ein Funkgerät entdeckt wurden, ließ er z. B. mit einem Ochsenziemer blutig schlagen und nach Dachau deportieren. Dem jüdischen Flüchtling Erich Wachtor, der sich weigerte die Verstecke von Juden und Jüdinnen preiszugeben, ließ er 26 Zähne ausreißen. Der Mailänder Historiker Luigi Borgomaneri macht Saevecke u.a. für die Deportationen von 992 Arbeiterinnen und Partisaninnen aus Mailand verantwortlich, von denen mindestens 232 in den Lagern starben. Ebenso erging es 1.200 Juden und Jüdinnen, die aus dem Mailänder Gefängnis San Vittore in die Vernichtungslager deportiert wurden. 1944 befahl Saevecke die Exekution von 15 Geiseln auf der Piazza Loreto und ließ sie zur Abschreckung der Bevölkerung mehrere Tage auf dem Platz liegen.

Von der SS zum Bundeskriminalamt

Die amerikanischen Truppen, die Saevecke 1945 festnahmen, übergaben ihn jedoch nicht der italienischen Justiz. Wie viele andere Nazimörder wurde er vor Strafverfolgung geschützt, um ihn in dem bald beginnenden ``Kalten Krieg'' für die Geheimdienstarbeit einzusetzen. Mindestens von 1949 bis 1951 arbeitete Saevecke nach eigenen Angaben beim amerikanischen Geheimdienst CIA und anschließend beim Bundeskriminalamt. Dort stieg er als ``Referent für Hoch- und Landesverrat'' zum stellvertretenden Leiter der Bonner Sicherungsgruppe auf und leitete in dieser Funktion u.a. die überfallartigen Durchsuchungen der Redaktion des Nachrichtenmagazins ``Der Spiegel''. Die dadurch ausgelöste ``Spiegel-Affäre'' führte dann zu seiner Versetzung nach Wiesbaden. Seit 1971 Pensionär, der zudem eine Kriegsrente bekam, verbrachte Saevecke seinen Ruhestand in Bad Rothenfelde.

Aufarbeitung durch NS-Juristen

Obwohl italienische Hinterbliebene, jüdische Gemeinden, Partisanenverbände und der Mailänder Stadtrat viel belastendes Material gegen den ehemaligen SS-Hauptsturmführer zusammentrugen, blieb er unbehelligt. Zwar beschäftigte sich die ``Zentralstelle im Lande Nordrhein-Westfalen für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen'' in Dortmund mit den Vorwürfen, doch die Zentralstelle war von ihrer Gründung 1961 bis 1972 fest in der Hand ehemaliger NS-Juristen. Auch danach brachten die Staatsanwälte der Stelle nur die wenigsten Verfahren zur Anklage und waren dafür mehrfach heftiger öffentlicher Kritik ausgesetzt. Auch die Dortmunder Verfahren gegen Saevecke wurden 1971 und 1989 ergebnislos eingestellt. Während sich die Dortmunder Ermittler beklagten, u.a. aus Großbritannien keine ``Unterlagen zum Tatgeschehen am 10.8.1944'' erhalten zu können, war es für den Turiner Militärstaatsanwalt Pier Paolo Rivello kein Problem, sich belastendes Material, u. a. die Verhörprotokolle der Mitarbeiter Saeveckes, aus dem ``Public Record Office'' in London zu beschaffen. Doch der Bad Rothenfelder erschien trotz mehrfacher Aufforderung nicht zum Prozess in Turin, und die Gesetze der Bundesrepublik erlauben die Auslieferung von deutschen NS-Verbrechern nicht

(Artikel aus: Stop Lifestyle of Hate, die extreme Rechte in OWL, Bielefeld, Januar 2002)