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Neues Handbuch zum RechtsRock

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"RechtsRock - Bestandsaufnahme und Gegenstrategien". Hinter dem schlichten Titel, der fast an eine Diplomarbeit denken lässt, verbirgt sich ein 550 Seiten starkes Standardwerk zur neonazistischen Musikszene.

RechtsRock muss nicht notwendigerweise von der ersten bis zur letzten Seite gelesen werden. Man kann einfach bei Michael Weiss Beitrag "Deutschland im September" beginnen. Der Aufsatz beschreibt beispielhaft und schlaglichtartig die Aktivitäten der Rechtsrockszene in einem Monat des Jahres 1999. Allein am 4. September verzeichnet er ein Großkonzert bei Dessau, an dem 2000 neonazistische Skins teilnehmen, eine Party mit Livemusik in Neumünster, Konzerte in Düsseldorf und im Westerwald. Der 14. September: Ein Tag des Hetzjagdprozesses in Guben. Mehrere Neonazis waren mit Autos durch die Stadt geprescht und hatten eine CD der Szenekultband "Landser" gehört, als sie auf drei Algerier trafen. Aufgeputscht durch die neonazistischen Texte, jagten sie die Migranten durch die Stadt. Omar Ben Noui überlebte den Tag nicht.

Mehr als ein Nachschlagewerk

RechtsRock beschreibt und analysiert diese Begleitmusik zu Mord und Totschlag: Die Ideologie, Produzenten und Konsumenten, die Rolle der Frauen, Aktivitäten im Internet, Zeitschriften oder Ausdrucksformen, Codes und Outfit der Szene. Allein rund 100 Seiten enthalten umfangreiche Register und Verzeichnisse: Kürzel, Codes und Klamotten, Rechtsrock-Bands, Rechtsrocklabels und die deutschsprachigen Fanzines. Somit ist das wohl bislang umfangreichste Handbuch zum Thema entstanden. Es bietet eine schnelle und präzise Orientierung für die Praxis.

Die Veröffentlichung ist jedoch mehr als ein Nachschlagewerk. Sie analysiert neue Entwicklungen der Rechts-Rock-Szene und verschiedene Aspekte der Musik. Rechtsrock bildet nicht nur den musikalischen Rahmen für extrem rechte Veranstaltungen. Die Szene ist längst zu einer eigenständigen Bewegung mit eigenem Lifestyle gewachsen, die sich nicht unbedingt von NPD und Freien Kameradschaften vereinnahmen läßt. Gleichwohl ist die Schnittmenge groß und organisierte Neonazis, vor allem aus der mittlerweile verbotenen Organisation "Blood & Honour", Freien Kameradschaften oder Hammerskins sind die Drahtzieher im Hintergrund.

Die zitierten Texte der Neonazibands und die zahlreichen Abbildungen aus Booklets und Fanzines vermögen schon beim Durchblättern des Bandes Abscheu zu erregen. Ablehnung reicht jedoch nicht aus, um auch Gegenstrategien zu entwickeln. Darum arbeiten die Herausgeber Christian Dornbusch und Jan Raabe vor allem die Faszination und identitätsstiftende Funktion für Jugendliche heraus, die die Erlebniswelt des Rechts-Rock auszeichnet. Obwohl aus antifaschistischer Perspektive geschrieben, gelingt ihnen dies mit dem notwendigen Abstand zum Thema. Sie verweisen darauf, dass der rechte Sound für seine Hörer authentisch ist und sich nicht auf eine besonders perfide Form politischer Suggestion reduzieren läßt.

Gegenstrategien

Die Herausgeber wollten ein praktisches Buch machen, für diejenigen, die sich gegen Rassimus und Nationalismus engagieren. Ein umfangreicher Teil ist darum den Gegenstrategien gewidmet. Wer allerdings Patentrezepte erwartet, wird enttäuscht sein. Die AutorInnen setzen auf viele kleine Wege und Anregungen. Sie problematisieren Konzepte der Jugendarbeit ebenso wie die Verbotspolitik oder antifaschistische Vorgehensweisen und zeigen anhand zahlreicher Projekte Lösungsansätze auf. Ein Interview mit der Gruppe Brothers & Sisters Keepers beleuchtet etwa die selbstorganisierte Initiative afro-deutscher Hiphop-Musiker. Am Beispiel des Vereins "Miteinander" werden Projekte und Netzwerkarbeit gegen Fremdenfeindlichkeit in Sachsen-Anhalt beschrieben. Schulische und außerschulische Bildungsarbeit findet ebenso Berücksichtigung wie die Möglichkeiten und Perspektiven einer antifaschistischen Zeitschrift, dem Antifaschistischen Info Blatt. Zuletzt gibt eine oberflächlich geratene Adressenlisten gegen Rassimus und Rechtsextremismus Hinweise für konkretes Engagement.

Das Buch ist allen zu empfehlen, die mit Rechts-Rock konfrontiert sind und sich darüber informieren wollen. Wer sich dagegen engagieren will, findet hier das Handwerkszeug.

Christian Dornbusch und Jan Raabe (Hg.), RechtsRock, Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, 544 S. mit zahlreichen Abbildungen, Unrast Verlag/reihe antifaschistischer texte , Münster/Hamburg, 2002, 24,- Euro

Verlags-Infos zum Buch

(Antifa-West, März 2003)